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Allerheiligen / Volkstrauertag

14.11.2019
Totengedenken am Freitag, 1. November 2019 - Bürgermeisteransprache von Herrn Matthias Luxem

Werte Friedhofsbesucher aus Nah und Fern,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

… dass es uns heute trotz widriger Wetterlage und nicht nur aus Traditionsgründen, zum Allerheiligen-Feiertag auf den Friedhof, an das Familiengrab, an die Gräber von Freunden und Bekannten, sowie an die Gedenkstätte unserer im Kriege Gefallenen und Vermissten zieht, ist ein gutes Zeichen unserer ganz persönlichen Verbundenheit, aber auch ein gelebtes Zeichen für eine gesellschaftliche Erinnerungskultur, als Mahnung und Wächter für eine friedvollere Zukunft.

In Elsenfeld ist es gute Tradition, den Gedenkakt des Volkstrauertages, der dieses Jahr am 17. November sein wird, zusammen mit dem offiziellen Friedhofsgang an Allerheiligen zu begehen.

Schön, dass wir uns auch heute wieder diese Zeit nehmen … zum Gedenken, aber auch zum Nachdenken!

Auf Grund der Wetterlage werde ich mich auf einige wenige inhaltliche Gedanken und Anmerkungen beschränken und diese auch ohne zusätzliche musikalische Begleitung vortragen.

Das Jahr 2019 ist auch ein Jahr des besonderen Erinnerns und Gedenkens:

Am 16. Dezember jährt sich zum 100. Mal der Gründungstag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ein Jahr war nach dem Ende des Ersten Weltkrieges vergangen. Es gab so viel zu tun, Aufgaben, vor denen man hätte verzagen können. Europa war auch nach dem Ende der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ kein Hort des Friedens. Innere Unruhen erschütterten nicht nur unser Land. Der deutsche Staat war weder politisch noch wirtschaftlich in der Lage, sich um die jenseits der Reichsgrenzen liegenden Hunderttausenden von Kriegsgräbern zu kümmern.

Heute, 100 Jahre nach seiner Gründung, versteht sich der Volksbund als ein anerkannter und moderner Akteur der Erinnerungs- und Gedenkkultur, der durch Fürsorge für die Gräber und durch Angehörigenbetreuung, sowie durch Gedenk-und Bildungsarbeit die Erinnerung an die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaften wachhält und ihren Tod als Auftrag zu Friedens- und Versöhnungsarbeit begreift.

Vor 80 Jahren, am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Als Tag des Beginns des 2. Weltkrieges mag dieses Datum noch geläufig sein. Doch was in den Jahren der anschließenden Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum mehr bewusst und das polnische Leid war unvorstellbar.

Vor 75 Jahren, von Januar bis Mai 1944, tobten die Kämpfe am Monte Cassino. Im Juni 1944 landete an der Küste der Normandie die mächtigste Armada, die die Menschheit je hervorgebracht hat: rund 150.000 alliierte Soldaten, fast 7.000 Schiffe und Landungsboote, über 10.000 Flugzeuge. Mit dem D-Day hatte die Befreiung Westeuropass begonnen.

Fast zeitgleich vollzog sich die wohl schwerste und verlustreichste Niederlage der Wehrmacht, als am 22. Juni 1944 an der Ostfront mit 1,4 Mio. Soldaten die sowjetische Großoffensive begann und zum Zusammenbruch von 28 Divisionen führte.

In den folgenden 10 Monaten bis zum Ende des 2. Weltkrieges starben so viele Soldaten und Zivilisten wie in den fast fünf Jahren zuvor. Kriegsgräber- und Gedenkstätten sind die stummen Mahner dieses millionenfachen Elends. Der Volksbund erhält und pflegt heute weltweit in 46 Ländern auf 832 Anlagen die Gräber von 2,8 Mio. Toten beider Weltkriege.

2019 blicken wir aber auch auf 70 Jahre Grundgesetz zurück. Ein Neuanfang auf den wir heute noch stolz und dankbar sein dürfen, denn das Grundgesetz gab den gegensätzlichen Rahmen zum vorherigen NS-Staat.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes hatten die Barbarei und den Zivilisationsbruch schrecklich klar vor Augen als sie den Artikel 1 Absatz 1 GG als wichtigste Basis formulierten:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlicher Gewalt“

Diese unantastbare Menschenwürde ist das kühnste Versprechen unserer Verfassung, das kein Vielleicht, kein Abwägen und keine Ausnahme zulässt. Ein Versprechen und eine Errungenschaft, die es gilt zu bewahren und zu verteidigen.

Heute haben wir uns in weiten Teilen Europas und natürlich in Deutschland an ein Leben in Freiheit, Demokratie und Frieden gewöhnt. Dabei sollten wir aber stets wachsam im Auge und im Bewusstsein behalten, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.

Mit einer der größten Feinde von Frieden und Freiheit ist die Vergesslichkeit und das Verdrehen von Wahrheiten und erlebter Geschichte - egal wie lange sie her ist.

Kriege, Konflikte und ein feindseliges Miteinander, sind keine Naturkatastrophen, welche unvorhergesehen ausbrechen.

Sie werden gemacht durch Feindbilder, autoritäre Denkmuster sowie gezielter und menschenverachtender Propaganda und sie finden immer wieder ihren Nährboden bei Hass und Missgunst, bei Ausbeutung und Unterdrückung, bei religiösem Fanatismus, aber leider auch im Wohlstand und bei subjektiver Unzufriedenheit.

Überzogener Nationalismus und Protektionismus sind hierbei zusätzliche Mitspieler, denen wir nach erst 70 Jahren Frieden und Freiheit immer wieder, und sicherlich auch aktuell in Europa, begegnen - aber auch couragiert entgegnen müssen.

Mit Blick auf die Vergangenheit und als mahnende Aufforderung müssen wir hier gemeinsam entgegenwirken und für uns in Anspruch nehmen: „Wehret den Anfängen“!!!! Denn Geschichte ist vergangene Gegenwart und dient nicht für ideologische Interpretationen.

Geschichte, mit all ihren Errungenschaften, aber auch mit ihren „dunklen Momenten“ muss gerade auch dazu dienen, um Antworten zu geben.

Dazu gehört aber auch der Blick und die Aufmerksamkeit für das alltägliche Miteinander, ob in der Familie, in der Ortsgemeinschaft, ja in der Politik und im gesamtgesellschaftlichen Gemeinwesen.

Der Mordfall „Walter Lübcke“, am 2. Juni 2019 in Istha bei Kassel: ein Mord an einem Regierungspräsidenten, angeleitet und begründet durch rechtsextremes und rechtspopulistisches Gedankengut.

Aber auch der Anschlag in Halle am 9. Oktober 2019: ein Versuch eines Massenmordes an Juden am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag.

Dies sind nur zwei markante Ereignis-Beispiele. Sie müssen uns in unserer Aufmerksamkeit zusätzlich aufrütteln und zu einem demokratischen Schulterschluss für Frieden und Freiheit und gegen gesellschaftliche Verrohung, Hass und Hetze ankämpfen lassen.

Verweilen wir deshalb gerade auch im Bewusstsein aktueller Geschehnisse jetzt in einer gemeinsamen Gedenkminute und werden wir uns dabei unserer besonderen Verantwortung für das aktive Einstehen für Frieden und Freiheit bewusst.

G e d e n k m i n u t e

Gedenken wir jetzt den Millionen von Opfern und Gefallenen, den Heimatvertriebenen nach zwei Weltkriegen mit über 70 Millionen Toten.

Als äußeres Zeichen sind 305 Kerzen angezündet. Stellvertretend aus allen 4 Ortsteilen - Elsenfeld - Rück - Schippach - und Eichelsbach:

68 für die Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg

237 für die Gefallenen und Vermissten aus dem 2. Weltkrieg

Trauern und gedenken wir aber auch um die Opfer der Kriege, Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung und religiösem Fanatismus, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Sorgen und leben wir dafür, dass ihr Tod nicht vergebens war.

Musik: „Lied vom Kameraden“ mit „Kranzniederlegung

Ich danke Ihnen allen, auch im Namen des VDK Elsenfeld, für das Mitbegleiten dieser Feierstunde und das gemeinschaftliche Besuchen unserer Verstorbenen.

Ein herzliches Dankeschön an den Musikverein CONCORDIA Elsenfeld, unter der Leitung von Erich Rachor für die musikalische und feierliche Begleitung dieser Feierstunde, die nach dem folgenden Musikstück beendet ist.

Ich wünsche ihnen ALLEN noch einen schönen und begegnungsreichen Allerheiligen-Tag im Kreise Ihrer Familien, Verwandten und Bekannten.

Musik: „Ich bete an die Macht der Liebe“

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